Deutschland arbeitet länger – ohne länger zu leben

05.04.2026


In der deutschen Rentenpolitik prallen neue Zahlen der Bundesregierung und politische Forderungen nach einem höheren Renteneintrittsalter aufeinander. Eine Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linken zeigt, dass das gesetzliche Rentenalter in den vergangenen Jahren deutlich stärker angehoben wurde als die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen, die in dieser Zeit aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind. Demnach hatten Personen, die zwischen 2022 und 2024 das Alter von 65 Jahren erreichten, im Schnitt Aussicht auf weitere 19,4 Lebensjahre – ein Wert, der im Mittel etwa auf demselben Niveau liegt wie zehn Jahre zuvor.

Parallel dazu ist die Regelaltersgrenze für eine abschlagsfreie Rente seit 2012 schrittweise um mehr als ein Jahr gestiegen. Grundlage ist die 2007 beschlossene Einführung der Rente mit 67, durch die das gesetzliche Eintrittsalter zwischen 2012 und 2030 in kleinen Schritten von 65 auf 67 Jahre erhöht wird. Nach Regierungsangaben hat sich in diesem Zeitraum auch der tatsächliche Rentenbeginn verschoben: Im Durchschnitt treten Menschen heute gut 1,3 Jahre später in den Ruhestand ein als noch vor einem Jahrzehnt.

Die hochgerechneten Daten der Bundesregierung deuten zudem darauf hin, dass die Lebenserwartung bis 2030 deutlich langsamer wachsen dürfte als die Altersgrenze. Im Mittel werde die verbleibende Lebenserwartung von 65-Jährigen bis dahin für Männer um rund ein Jahr und für Frauen um etwa acht Monate zunehmen. Die Linken-Abgeordnete Sarah Vollath, die die Anfrage gestellt hatte, zieht daraus den Schluss, dass die Regelaltersgrenze zwischen 2012 und 2030 „ungefähr doppelt so schnell“ steigt wie die Lebenserwartung.

Die Zahlen werfen ein neues Licht auf Warnungen aus der Bundesregierung, wonach die durchschnittliche Lebensarbeitszeit angesichts einer immer weiter steigenden Lebenserwartung verlängert werden müsse. So hatte Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) im September unter Verweis auf ein Papier ihres Beraterkreises erklärt, „dass wir angesichts einer höheren Lebenserwartung länger arbeiten müssen“. Vollath hält dem entgegen, dies werde von den eigenen Regierungsdaten nicht gestützt: „Die Lebenserwartung stagniert. Gleichzeitig steigt die Regelaltersgrenze schon jetzt immer weiter an.“ Die statistischen Befunde liefern damit neues Material für eine Rentendebatte, in der künftig weniger mit langfristigen Trendannahmen, sondern stärker mit der aktuellen Entwicklung der Lebenserwartung argumentiert werden dürfte.

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Geopolitik dreht Trend: Waffenruhe im Iran-Konflikt beendet Höhenflug von Verbio und Südzucker

09.04.2026


Die Entspannung an den Energiemärkten nach der Waffenruhe im Iran-Krieg hat am Mittwoch eine deutliche Korrektur bei deutschen Bioethanol-Werten ausgelöst. Aktien von Verbio sackten um mehr als 13 Prozent ab und führten damit die Verliererliste im SDax an. Papiere von Südzucker gaben um über 4 Prozent nach. Beide Titel hatten in den vergangenen Wochen stark von kriegsbedingt gestiegenen Öl- und Gaspreisen profitiert, die alternative Treibstoffe in den Fokus vieler Investoren gerückt hatten.

Mit dem Rückgang der Öl- und Gaspreise schwand nun ein wesentlicher Kurstreiber. Marktteilnehmer sprechen von klaren Gewinnmitnahmen nach einer zuvor außergewöhnlich starken Rally. Bei Verbio hatten die Aktien seit Beginn des Konflikts im Nahen Osten zeitweise mehr als 70 Prozent zugelegt und damit ein Drei-Jahres-Hoch erreicht. Südzucker war Ende März innerhalb von nur sechs Handelstagen um bis zu 37 Prozent nach oben geschnellt, begünstigt auch durch eine positive Studie der Barclays Bank.

Analysten verweisen darauf, dass der jüngste Aufschwung der beiden Papiere maßgeblich von steigenden Ethanolpreisen getragen war. Die geopolitisch bedingte Verteuerung von Öl und Gas hatte die Wettbewerbsfähigkeit von Bioethanol und Biosprit erhöht und entsprechende Anbieter an der Börse in den Vordergrund gerückt. Bei Südzucker kam zusätzlich eine kräftige Erholung der Zuckerpreise als stützender Faktor hinzu, während die Konzerntochter Cropenergies ähnlich wie Verbio in großem Umfang Bioethanol produziert.

Mit der nun eingetretenen Entspannung an den Energiemärkten zeigt sich, wie sensibel die Bewertung von Bioenergie-Unternehmen auf Veränderungen bei Rohstoffpreisen und geopolitischen Rahmenbedingungen reagiert. Die jüngste Schwächephase könnte aus Sicht von Portfolio-Managern eine Neubewertung des Sektors einleiten, nachdem die Papiere von Verbio und Südzucker in kurzer Zeit einen Großteil des positiven Umfelds eingepreist hatten. Ob die Korrektur eine Zwischenstation in einem längerfristigen Trend bleibt oder den Beginn eines nachhaltig ruhigeren Kursverlaufs markiert, hängt maßgeblich von der weiteren Entwicklung der Energiepreise und der geopolitischen Lage ab.